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Leben und Glauben
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Leben und Glauben

Beiträge und Gedanken von Pfarrer Daniel Senf

 

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen Engel beherbergt. (Hebräerbrief 13, 2)

 

Vom Verstehen

Frische Pflaumen in den Farben des Sommers! Süß und saftig. Schon vom Hinschauen bekomme ich Appetit. Im vergangenen Jahr standen sie auf dem Küchentisch der Ferienwohnung. Der Nachbar hatte sie gepflückt und vorbeigebracht. Es war seine Art, "Hallo" zu sagen, oder vielmehr "Bonjour". der Alte Mann war ja schließlich Franzose und konnte auch nur Französisch sprechen. In seiner Jugend hat man noch keine anderen Sprachen in der Schule gelernt. Trotzdem waren es nicht nur die Pflaumen, die er brachte. Er gab uns auch jede Menge Tipps, was man im Ort und der Umgebung mit der Urlaubszeit so anstellen konnte, erzählte von seiner Heimat und der Familie. Und schon entstand aus einer anonymen Internet-Buchung so etwas wie eine kleine Beziehung.

Verstehen geht, wenn man es will.

Wer wüsste das nicht besser, als die Leute hier im Leipziger Raum. Zu DDR-Zeiten war die Leipziger Messe ganz besonders Lebensader der Stadt, das Fenster zur Welt. Wer konnte und durfte, nahm Messegäste auf. Nicht nur zum Schlafen und nicht nur für ein paar heimliche Westmark. Für die meisten ging es zuerst darum, etwas von "draußen" oder "drüben" zu erfahren. Erlaubte es die Zeit, saß man lange beisammen, aß, trank und redete. Solche Begegnungen haben die MEnschen, die Stadt und ihre Geschichte, wenn nicht gar die Weltgeschichte geprägt und verändert. Die Gastfreundschaft und Offenheit der Leipziger sind nicht nur deshalb legendär.

Verstehen geht, wenn man es will. Und wenn man sich traut.

Das merken viele gerade in diesen Ferientagen auf Reisen. Meist muss man gar nicht so weit fahren. Manchmal ist es sogar schwerer, vermeintlich Bekanntes oder gar einen Menschen, der mir fremd geworden ist, neu zu verstehen. Das braucht sogar Mut, weil ich meinen Blickwinkel ändern muss! Und Vertrauen, dass es geht mit dem Verstehen, wenn man will! Es werden nicht immer süße Pflaumen sein, die dann auf dem Tisch stehen. Jemanden neu verstanden zu haben, ein ganz anderer, größerer Gewinn.

Eine gesegnete Sommer- und Ferienzeit wünscht Ihnen Ihr Pfarrer

Daniel Senf