Wochenspruch
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
2. Korinther 5,17
Die romantische Rühlmann-Orgel
Rühlmann-Orgel Rühlmann-Orgel Abblätterungen am Gehäuse Abblätterungen am Gehäuse Frontansicht mit schadhaftem Anstrich Frontansicht mit schadhaftem Anstrich

1896 befürwortete der Delitzscher Musikdirektor Reinhold Kropf einen Orgelneubau, da die 132jährige barocke Orgel nicht mehr zu reparieren war. Die daraufhin 1898 eingebaute Orgel befindet sich noch heute in der Kirche. Sie wurde 2014 restauriert. Über die Restaurierung können Sie die entsprechende Festschrift mit allen Details erwerben.

Es handelt sich um eine Orgel aus der Zörbiger Orgelbauanstalt Wilhelm Rühlmann (*1842; † 1922). Nachdem Wilhelm Rühlmann seine Ausbildung in der Werkstatt seines Vaters Friedrich Wilhelm Rühlmann beendet hatte, ging er 1860 als Geselle zum berühmten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast nach Weißenfels, zu dem eine lebenslange Freundschaft bestand. 1866 übernahm Wilhelm Rühlmann sen. die Werkstatt seines Vaters in Zörbig.

Die pneumatische Orgel, die vom 12. bis 25. Mai 1898 zum Preis von 4.719 Goldmark errichtet wurde, ist am 30. Mai 1898 geweiht worden. Sie ist mit Ausnahme der Prospektpfeifen ohne Veränderungen in Anlage und Disposition im Original erhalten geblieben.

Die Prospektpfeifen aus Zinn mussten 1917 für Kriegszwecke abgegeben werden und wurden eingeschmolzen. Die fehlenden Prospektpfeifen wurden 1928 von der Orgelbauanstalt Rühlmann durch Zinkpfeifen ersetzt. Diese waren jedoch enger mensuriert und wurden bei der Restaurierung 2014 aus Zinn in Originalmensur rekonstruiert.

In der ersten Etage des Kirchturmes steht der Doppelmagazinbalg mit dem elektrischen Winderzeuger, die 2014 restauriert bzw. ersetzt wurden. Aber auch der ursprüngliche Schöpfer ist erhalten, um die Orgel manuell mit Luft zu versorgen.

Die Orgel wurde vom 22. April bis 12. September 2014 umfassend instandgesetzt und restauriert. Dabei wurde zum Schutz der Orgel auch die darüber befindliche barocke Kassettendecke restauriert. Die Rühlmann-Orgel wurde in einem feierlichen Festgottesdienst am 14. September wieder ihrer Bestimmung übergeben.

Disposition

Die Orgel mit Kastenladensystem verfügt mit 15 Registern auf zwei Manualen mit je 54 Tasten und Pedal mit 27 Tasten, drei festen Kombinationen und drei Koppeln über insgesamt 823 Pfeifen aus Holz und Metall. Diese stehen im Orgelgehäuse auf drei Ebenen verteilt.

Zweimanualiges Werk · 15 Register · 823 Pfeifen
Manual I
Manual II
Pedal
Hohlflöte 8'
Lieblich Gedackt 8'
Subbass 16'
Gambe 8'
Flauto travers 8'
Gedackt Bass 8'
Principal 8'
Salicional 8'
Principalbass 8'
Rohrflöte 4'
Geigenprincipal 8'
Bordun 16'
Flauto amabile 4'
Octave 4'
Mixtur 3fach
Spielhilfen & Kombinationen
Spielhilfen
Kombinationen
Manualkoppel
piano
Pedal / I
mezzoforte
Pedal / II
tutti
Form & Farbe

Das Orgelgehäuse – zu dem eine Originalzeichnung von Wilhelm Rühlmann senior aus dem Jahr 1896 erhalten ist – trug in der Originalfassung ein holzsichtiges Erscheinungsbild in Mittelrotbraun mit kobaltfarbenen Verzierungen und Vergoldungen; eine weitere rote Verzierung wird vermutet.

Dieses Erscheinungsbild war bis zur Restaurierung 2014 aufgrund von Abblätterungen teilweise sichtbar. Ebenso waren auf den oberen Abschlussdachformen spitzenartige Elemente angebracht, die anscheinend verloren gegangen und 2014 mit Hilfe von Originaldokumenten rekonstruiert worden sind.

Das Orgelgehäuse erfuhr in den Jahren 1936/37 insgesamt einen grau marmorierten Farb- und Firnisanstrich. Der Firnisauftrag des Orgelgehäuses war altersbedingt merklich gebräunt und minderte erheblich die Kontraste der grauen Marmorierung.

Während der Restaurierung 2014 wurde das Orgelgehäuse entsprechend eines Fundes der barocken Bemalung an den Emporen aus dem Jahre 1718 neu gefasst und mit Blattgold versehen.

Die Rühlmann-Orgel Opus 201 aus dem Jahr 1898 ist ein tief romantisches Werk mit orchestralem Klang und dynamischen Möglichkeiten von pianissimo (sehr leise) bis fortissimo (sehr laut).

Grundsätzlich unterscheiden sich die Tonhöhen der einzelnen Register durch den angegebenen Zahlenwert, der die Länge der tiefsten Pfeife beschreibt. Es handelt sich dabei um die Maßeinheit „Fuß", abgekürzt mit dem ʼ-Zeichen hinter der Zahl. Kurz: Je kleiner die Zahl ist, desto höher ist der Ton.

Klangfarben
Manual I
Hohlflöte 8'
Ein sehr eleganter, farbiger Klang. Rühlmann sah für dieses Register vor: „volle runde Intonation".
Gambe 8'
Eigentlich „Viola da gamba"; eine schneidende Streichstimme. Rühlmann schrieb: sie „erhält streichenden aber satten Ton". Die Gambe klingt feiner, zerbrechlicher und farbiger als der Prinzipal. Sie belebt vor allem bei ruhigerer Musik den Klang der Orgel.
Principal 8'
Sie sind im wahrsten Sinne das klingende Hauptwerk der Orgel, da sie als erstes intoniert und alle anderen Register auf sie abgestimmt werden. Rühlmann beschrieb sie so: „volle kräftige Intonation". Einige der Principal-Pfeifen stehen sichtbar im Orgelprospekt.
Rohrflöte 4'
Eine spitz zulaufende Flöte, die im Bassbereich gut erkennbar ist und in der Höhe füllig klingt. Ihr Einbau war im ersten Angebot von Rühlmann am 10. Dezember 1896 noch nicht vorgesehen.
Bordun 16'
Sie haben oben einen Deckel, was ihren Klang so sanft macht. Rühlmann beschrieb sie so: „volle runde Intonation". Sie eignen sich besonders für die Begleitung von Gesang und Soloinstrumenten.
Octave 4'
Dieses Register ist eine zentrale Klangfarbe der Orgel nach dem Principal. Sie verleiht dem Klang zusätzliche Fülle und Kraft. Einige der Octave-Pfeifen stehen sichtbar im Orgelprospekt.
Mixtur 3fach
Leuchtend bilden sie eine Klangkrone und geben der Orgel die strahlende Fülle. Beim Spielen einer Taste werden gleichzeitig drei Pfeifen angesprochen. Als bauliche Besonderheit gestaltete Rühlmann die Mixtur-Pfeifen in Überlänge, um das Klingen des Grundtones zu erzwingen und die Töne nicht zu schrill werden zu lassen.
Manual II
Lieblich Gedackt 8'
Eine weiche, runde Klangfarbe, die in der Höhe aufblüht.
Flauto trav. 8'
Ein leichter, der Querflöte nachempfundener Klang. Rühlmann beschrieb ihn als „frischer kerniger Flötenton".
Salicional 8'
Eine leise und zarte Klangfarbe, die mystisch oder leicht betrübt klingt. Sie hat einen streicherartigen Klang: in tiefer Lage einem Cello und in der Höhe einer Violine vergleichbar. Rühlmann schrieb: „feine streichende Intonation".
Geigenprincipal 8'
Ein sehr warmer, schwebender Klang, der äußerst harmonisch und in sich geschlossen ist. Rühlmann wollte für sie einen „etwas streichenden dabei aber vollen Ton".
Flauto amabile 4'
Ital. „Dolzflöte", ein heller und klarer Klang mit einem fröhlichen und verspielten Ausdruck; vergleichbar einer Piccoloflöte. Rühlmann schrieb: „voller frischer Flötenton in der Höhe nicht so scharf".
Pedal
Subbass 16'
Sie sind die größten Pfeifen im Werk und geben als „Fundament" der Musik die wahrhaftig tiefe Stütze und körperlich spürbare Fülle. Rühlmann schrieb: „volle runde Intonation".
Gedackt Bass 8'
Sie haben ebenfalls oben einen Deckel, der ihrer Kraft die nötige Wärme gibt. Rühlmann sah vor, sie „als sanfte Begleitstimme zu intonieren".
Principalbass 8'
Sie klingen rund und kraftvoll. Rühlmann beschrieb ihren Klang mit: „kräftig streichende Intonation". Hierdurch geben sie dem Bass zusätzliche Dynamik.
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